Im Werk von Alois Vogler (1934–2022) findet sich die Büste einer alten Frau in verschiedenen Fassungen, ausgeführt in Gips, in Holz und in Bronze. Auch ohne die einzelnen Werke dieser Gruppe genauer datieren und eine Chronologie erstellen zu können, wird deutlich, dass den Füssener Bildhauer das Thema in seiner künstlerischen Arbeit zumindest einige Zeit beschäftigte. In der Ausstellung wird die Fassung in Bronze präsentiert. Es ist ein etwa lebensgroßer Kopf mit Hals und Brustpartie, montiert auf einen Steinquader.
Der Kopf der Frau, die hier dargestellt ist, zeigt die typischen Alterserscheinungen. Indem ihre Haare aus dem Gesicht gestrichen und über den Kopf frisiert sind, treten die Zeichen der Zeit ins Zentrum der Betrachtung: Die Augen sind in die Höhlen gesunken, die Haut um die Augen ist erschlafft, ihre Augenbrauen fallen an den Enden ab. Eine strenge gerade Nase dominiert das Gesicht, darunter sitzt ein schmaler Mund ohne eine eindeutige emotionale Regung. Die Wangenknochen zeichnen sich ab, das Kinn läuft unten spitz zu. Der Kopf ist ein wenig zur Seite und nach vorn geneigt. Spuren des Modellierens lassen sich vor allem an der Halspartie und am schwergewichtigen Hinterkopf zu erkennen, die Haarsträhnen sind nur als grobe Furchen angedeutet. Alles an der alten Frau deutet auf ihre Alter hin, sie hat die längste Zeit ihres Lebens hinter sich. Wie bei allen Menschen sind die Gesichtshälften nicht symmetrisch, und mit dem Alter verstärkt sich diese Asymmetrie. Gelebtes Leben hat sich in das Gesicht eingearbeitet und Falten im Gesicht hinterlassen.
Die Gewissheit des eigenen Todes
Die Augenpartie der Frau ist besonders hervorzuheben, da sie der Darstellung des Alters etwas Morbides verleiht. Während das linke Auge wie sichelförmig geöffnet und müde wirkt, erscheint das andere Auge merkwürdig deformiert. Genau ist nicht zu erkennen, ob die Augen überhaupt geöffnet sind. Es mag sich um eine Andeutung des Künstlers handeln, dass der Blick der Frau nicht mehr nach außen, auf die Umwelt, sondern vielmehr nach innen gerichtet ist. Womöglich hat die Frau bereits mit dem Leben abgeschlossen. Oder der Radius ihrer Wahrnehmung ist unwillkürlich eingeschränkt, etwa durch eine Krankheit oder eine nachlassende Empfänglichkeit für äußere Sinneseindrücke. Die Reduktion auf das Innere ist sichtbar ausformuliert, Vogler lenkt den Blick auf die senkrechten und waagerechten Linien von Nase und Mund. Die lebensgroße Ausführung des Kopfes macht die alte Frau als Gegenüber nahbar. Die Darstellung vermittelt die Gewissheit des Todes, sie steht für ein Memento mori, eine Aufforderung, der eigenen Sterblichkeit zu gedenken.
Die unbestimmte Mimik der Frau kommt einem Stillstand gleich. Als Symbol eines Memento mori entfernt sich die Büste durch eben diese Reglosigkeit und Stimmungslosigkeit von einem anderen Werk gleichen Themas, dem Totentanz von Jakob Hiebeler aus dem Jahr 1602 in der Annakapelle im Barockkloster. Während es dort um eine Bewegung geht, auch eine tiefe innere Bewegung angesichts des nahen Todes, der die Menschen ins Jenseits holt, bleibt Voglers Mensch am Ende seines Lebens unbewegt und abwesend. Allerdings werden die Personen bei Hiebler zum Teil mitten aus dem Leben gerissen, und sie sind alles andere als gleichgültig, wenn sie angesichts des verwesenden Leichnams, der sie zum Tanzen auffordert, in einen inneren Dialog treten und mit dem Tod oder dem vergangenen Leben hadern. Sie sind gezwungen, von der Bildbühne ‚abzutreten‘.
Die Gestaltung des leicht hängenden Kopfes und des spannungslosen Gesichts lässt einigen Interpretationsspielraum, dieser reicht von Altersmüdigkeit und Schwäche bis hin zu Ruhe und Gelassenheit. Doch verrät uns die Frau nichts über ihr Leben. Indem Vogler den Fokus auf das Gesicht richtet, ihr kein Attribut beigibt, fertigt er mehr als ein Porträt, sondern erschafft ein überzeitliches, ikonenhaftes Antlitz, eine Facette des Alterns, die nichts Aufbegehrendes hat und in der sich der Mensch nicht dem Tod widersetzt, sondern sich diesem bereits zugewandt hat. Ein solches Bild kann eine Entlastung angesichts der schwindenden Lebenszeit sein.
Dem Lebensende gegenübersitzen
Vogler Mutter verstarb 1991 mit 88 Jahren. Vogler formt alle formalen Attribute des Alters mit den eigenen Händen, die Spuren des Alterns lassen sich als Vanitas-Symbol verstehen: Das künstlerische Schaffen wird zu einer Meditatio mortis, einer intensiven inneren Beschäftigung mit einem Bild der Unausweichlichkeit des Tods, der menschlichen Vergänglichkeit und der Ungewissheit über den Zeitpunkt. Letzteres ist versinnbildlicht in der Ausführung der Augenpartie: Sie steht für verschiedene Stadien der Vergänglichkeit, indem sie vom Zeichen einer Altersmüdigkeit über eine Totenmaske und den Moment des Todes bis hin zu einem Zustand post mortem gelesen werden kann.
Seltener Anblick
Der Alterungsprozess ist ein komplexer natürlichen Vorgang, der zum Leben dazugehört und unvermeidbar ist. Angesichts der Visualität im digitalen Zeitalter, in der Jugend und makellose Äußerlichkeiten zu Maßstäben für viele Menschen geworden sind, wird dem Altern heute kaum mehr bildlich Raum gegeben, sondern vielmehr ausgeblendet. Während sich zahlreiche Mariendarstellungen unter den Arbeiten Alois Voglers finden, sticht ein Kopf ohne spezifisch christliche Attribute aus seinem Œuvre heraus.
Die Schenkung, die Anfang 2026 von Susanne Stocker und Andreas Vogler überreicht wurde, hat eine Lücke in der Sammlung geschlossen.
Der 1934 in Berghof (heute Gemeinde Halblech) geborene Alois Vogler begann seine künstlerische Laufbahn mit einer Lehre als Holzbildhauer in Füssen. Nach einer ersten Anstellung beim Traditionshaus Cappius in Starnberg und einem Studium an der Akademie der Bildenden Künste in München kehrte er in seine Heimat Füssen zurück. Er setzte sich insbesondere mit der menschlichen Figur und dem Porträt, sowie christlichen Motiven auseinander. Für Füssen schuf er zahlreiche Werke, darunter 1968 die Bronzefigur des heiligen Magnus für den Stadtbrunnen und 1983 die Kreuzweggruppe am Kalvarienberg. Eine weitere wichtige Arbeit ist die goldene Figur des heiligen Magnus als Drachenreiter auf der Stadtpfarrkirche St. Mang.
Literatur
Hans Belting: Faces. Eine Geschichte des Gesichts. München 2013.
Andrea von Hülsen-Esch: Die Kunst vom Altern. Altersbilder in der Kunst. Heidelberg 2019.
Manuel Flecker: „Ahnenbild und Totenmaske. Die imagines maiorium und die Erforschung des römischen Porträts“, in: Antike Welt 2, 2017, S. 72–78.
Stefan Gronert: Meditation: Eine Kunst-Monographie. Frankfurt a. M. 1997.
Roland Kanz: „Identität und Image: Bildkonzepte der Porträtmalerei. In: Ders.: Porträts. Hrsg. von Norbert Wolf. Hong Kong/Köln/London u. a. 2008.
Jörg Vögele: „Alter und Altern im demographischen Wandel des 19. und 20. Jahrhunderts“, in: Andrea von Hülsen-Esch/Hiltrud Westermann-Angerhausen (Hrsg.): Zum Sterben schön. Alter, Totentanz und Sterbekunst von 1500 bis heute. Bd. 1. Regensburg 2006, S. 19-30.
Stefanie Wodianka: „Individuelle Erinnerung und kulturelles Gedächtnis. Zur Funktion der Mediatio mortis in der Literatur“, in: Andrea von Hülsen-Esch/Hiltrud Westermann-Angerhausen (Hrsg.): Zum Sterben schön. Alter, Totentanz und Sterbekunst von 1500 bis heute. Bd. 1. Regensburg 2006, S. 289-300.
Text: Isabelle Schwarz