Internationales Design in Füssen

Ein Wegeleitsystem von Otl Aicher im heimischen Hallenbad

Zwischen 1973 und 2005 war das Robert-Schmid-Hallenbad in Füssen in Betrieb, bevor 2010 mit dem Abriss begonnen wurde. Geblieben sind die Schilder, Beispiele seines Wegeleitsystems. Auf ihrer hell beschichteten Oberfläche stehen die Raumbezeichnungen in sachlicher orangefarbener oder blauer Schrift. Es handelt es sich um Univers von Adrian Frutiger, entwickelt in den 1950er-Jahren.

Den entscheidenden Anstoß für den Bau des Bades gab die Stiftung des Füssener Apothekers Robert Schmid. 1969 schrieb die Stadt einen Architekturwettbewerb aus, an dem rund 30 Architekturbüros teilnahmen. Es gewann der Münchener Architekt Werner Wirsing (1919 – 2017). Ein Grundstück wurde gefunden, westlich der Feistlestraße am Galgenbichl, und das Hallenbad 1973 nach mehrjähriger Bauzeit in Betrieb genommen. 

Zum prämierten Architekturentwurf passte nur eine Beschilderung von ebenso hoher Qualität. Für das Design der Schilder konnte der Architekt einen der damals wohl bekanntesten deutschen Grafikdesigner gewinnen, Otl Aicher (1922 – 1991).

Als Wegbereiter der Idee eines Corporate Design entwickelte Aicher das einheitliche Erscheinungsbild zahlreicher Firmen, darunter Lufthansa und die Sparkasse. In Vorbereitung der Olympischen Spiele in München 1972 gestaltete er mit seinem Team den gesamten visuellen Auftritt des Großereignisses, von den Uniformen der Ordnungskräfte über die Plakate bis hin zu sämtlichen Hinweisschildern auf dem Gelände. Bis heute weltbekannt sind die Piktogramme der einzelnen Sportarten. 

Die Farben Blau und Orange, die Aicher für das Hallenbad auswählte, waren bereits 1972 im Corporate Design von Olympia relevant gewesen. Im Fall des Hallenbads galten sie der Unterscheidung zwischen den zwei Geschossen. Aicher setzte die Schrift linksbündig und machte damit die weiße Fläche des Schildes zum gleichrangigen Gestaltungselement.

Mutmaßlich sollte die blaue Schriftfarbe auf den Schildern im Erdgeschoss dem Wasser angepasst sein und dies symbolisieren. Die Schilder, die auf Sauna und Gymnastik im Untergeschoss verwiesen, wurden – vermutlich, weil sich das Ziel nicht mehr im Erdgeschoss befand – in einer anderen Farbe, in einem zum Blau komplementären Orange gewählt.[1] Aichers Detailgenauigkeit zeigte sich unter anderem daran, dass er die Farbe für den perfekten Blauton „extra aus Amerika“ bestellt haben soll.[2] 

Die Schilder, die sich mittlerweile in der Sammlung des Museums befinden, sind aus Metall bzw. Blech und noch gut erhalten, teilweise ist die Beschichtung etwas abgestoßen. Mitunter wurden Informationen direkt auf Türen angebracht, bei größeren Schildern wurden die Kanten nach hinten umgebogen, sodass die Schilder den Charakter eines Objekts bekamen und nicht einfach nur flach an einer Wand hingen. Zusätzlich wurden die Schilder von der Decke abgehängt. 


Otl Aicher – Biographische Angaben

Aicher wurde 1922 in Ulm geboren und zeigte früh eine zeichnerische und handwerkliche Begabung. Bereits als Schüler positionierte sich Aicher deutlich gegen den Nationalsozialismus. Er trat nicht der Hitlerjugend bei und nahm damit in Kauf, nicht zum Abitur zugelassen zu werden.[3] Aicher war mit der Familie Scholl befreundet und seit 1941 mit Inge Scholl liiert.[4] Sie heirateten 1952.  

Nachdem Aicher für kurze Zeit an der Akademie der Bildenden Künste in München studiert hatte, gründete er 1948 ein eigenes grafisches Atelier in Ulm. Zusammen mit Inge Scholl baute er die Volkshochschule in Ulm auf, danach plante er mit Hans Werner Richter, Max Bill und Inge Aicher-Scholl die Hochschule für Gestaltung in Ulm, die 1953 gegründet wurde.[5]

1967 wurde Aicher Gestaltungsbeauftragter der Olympischen Spiele in München. Danach zog er nach Rotis im Allgäu und gründetet 1984 das Rotis institut für analoge studien, hier entwickelte er auch seine eigene Schrift Rotis. Aicher starb 1991.


Einige Schilder sind derzeit im Museum der Stadt Füssen ausgestellt.


Zu den bisher vorgestellten Objekten geht es hier: 

Torschlüssel

Druckmodel

Trommel

Landschaftsmodell

Waffeleisen


Museum der Stadt Füssen
Lechhalde 3, 87629 Füssen


Quellenangaben
[1] Andreas Koop: nur barfuß. Mit Otl baden geh’n. Edition Harder, S. 39–41.
[2] Ebd., S. 39.
[3] Eva Moser: otl aicher, gestalter. Hatje Cantz Verlag, Ostfildern 2012S. 12–15.
[4] Ebd., S. 37–40, 44. Die Geschwister von Inge Scholl, Hans und Sophie Scholl, waren Mitglieder der Weißen Rose, einer studentischen Gruppe in München, die während des Nationalsozialismus insbesondere mit Flugblättern im Widerstand gegen Krieg und die Hitler-Diktatur aktiv waren und ermordet wurden.
[5] Ebd., S. 85f. Aicher und Scholl heirateten 1952, ebd., S. 164. 


Autorinnen: Gabriele Wiesemann, Sarina Gimnich
Redaktion und Gesamtprojekt: Isabelle Schwarz

Foto Titelbild: Simon Toplak