Objekte digital: Zum Staunen bringen – Wissen vermitteln

Geschichte(n) backen. Waffeleisen aus Eisen,1670

Anders als heutige Elektrogeräte ist dieses eiserne Waffeleisen aus der Mitte des 17. Jahrhunderts schwer und unhandlich. Es war eine Kunst, es herzustellen, ebenso wie damit zu backen: Temperatur und Teigmasse waren genau abzuwägen, damit das seltene Gebäck nicht verbrannte. Unser Waffeleisen hat eine Zangenform, die Zangenarme sind leicht nach außen gebogen. Am Ende des einen Arms befindet sich eine Öse mit Aufhängung, denn das Waffeleisen ruhte die meiste Zeit des Jahres. Nur zu besonderer Gelegenheit wurden Waffeln gebacken.

Die zwei Zangenarme sind mittels eines Scharniers miteinander verbunden, an ihren Enden befinden sich zwei Platten, deren Innenseiten mit Gravuren verziert sind.

Auf einer Platte ist ein Spross mit fünf Blumen in einer Vase, die zwei geschwungene Henkel hat. Seitlich davon steht jeweils ein Teil der Jahreszahl „16 70“. Umrahmt wird diese Darstellung im Randbereich von Blütenornamenten, die durch eine Linie vom Innenteil abgetrennt sind.

Mittig auf der anderen Platte findet sich ein gekrönter Doppeladler, seine Köpfe werden geschmückt durch einen Nimbus, einen Heiligenschein. Vor der Brust trägt der Adler einen Reichsapfel. Auch hier ist der Rand ornamental verziert, es gibt ein inneres Wellenband und ein äußeres Flechtband, letzteres löst sich seitlich, oben und unten zu einem Blütenblatt auf. 

Schmiedefertigkeit und Backkunst 

Das Schmieden von Waffeleisen war eine Herausforderung. Die Eisenplatten wurden individuell verziert, allerdings mit einer Negativmatrize, so dass auf der Waffel Schriftzüge lesbar waren und der Bildaufbau korrekt wiedergegeben war. Jedes Waffeleisen ist ein Unikat. Die Motive waren Auftragsarbeiten. Verzierung, Muster, Inschriften, Darstellung – der Anlass und das Vermögen des Auftraggebenden bestimmten die Ausführung. Insbesondere an Neujahr oder zu christlichen Feiertagen wurde das Eisen vom Haken genommen, um Festtagsgebäck herzustellen. Waffeleisen, die zu diesem Zweck verwendet wurden, waren oftmals mit christlichen Sprüchen oder Abbildungen versehen.[1]

Die Industrialisierung setzte einen Schlussstrich unter die individuelle Gestaltung, das handgeschmiedete Eisen wurde verdrängt.[2]

Wie Waffeln gemacht wurden

Das Waffeleisen war zum Backen von Waffeln über dem offenen Feuer gemacht, daher die langen Stiele. Das Eisen hat ein enormes Gewicht und war damit schwer zu handhaben. Der Backvorgang war eine dem Feiertag angemessen aufwändige Prozedur, die wohl eher zu zweit erledigt wurde. Die Arbeit fand direkt neben der Feuerstelle statt, hier stand der Teig an der Seite. Die Platten wurden vor dem Einsatz gefettet. Das Eisen musste bereits eine bestimmte Temperatur haben, bevor der Teig mittig auf eine der Platten gelegt wurde. Die andere Platte wurde angedrückt und der Teig hauchdünn zwischen den beiden Platten sehr kurz im offenen Feuer ausgebacken. Anschließend wurden die Waffeln vom Eisen gelöst.[3]

Ein Adler im Teig

Der doppelköpfige Adler führt uns unter anderem zu den Habsburgern, er ist aber auch in Richtung des Heiligen Römischen Reichs zu deuten, deren Kaiser lange Zeit von den Habsburgern gestellt wurden. Die Doppelköpfigkeit wies auf die Unterscheidung zwischen der königlichen und kaiserlichen Würde hin. Seit dem Mittelalter erhielt der König erst mit der päpstlichen Segnung und Krönung die Kaiserwürde. Der Nimbus um die Köpfe des Adlers wurde im Folgenden hinzugefügt, um den sakralen Anspruch auf die kaiserliche Herrschaft zu unterstreichen.[4]

Das Waffeleisen gelangte Mitte der 1930er-Jahre in den Besitz des Museums. Es bezeugt das Brauchtum des Festtagsgebäck und erzählt von einer langen Tradition in bürgerlichen, aber auch in bäuerlichen Haushalten.

[1] Vgl. Kronherger-Frentien 1959; vgl. Thiele 1959.
[2] Giedion 1994, S. 200–203.
[3] Für eine Darstellung des Backvorgangs vgl. Meiners o. J. Meiners spricht von zehn Sekunden Hitze und dem anschließenden Rollen des noch elastischen Teiges nach Ablösen vom Eisen. Die Gestaltung des Gebäcks variierte von Region zu Region, ebenso wie die Rezepte von regionalen Traditionen geprägt waren.
[4] Vgl. Mutschlechner o. J.
 

Literatur 

Richard Ahlrichs: „Beim Neujahrskuchenbacken“, in: Friesische Heimat. Beilage zum Jeverschen Wochenblatt, Nr. 75, 30. Dezember 1978.

Sigfried Giedion: Die Herrschaft der Mechanisierung. Ein Beitrag zur anonymen Geschichte. Hrsg. und mit einem Vorwort von Henning Ritter. Frankfurt a. M./Wien 1994 (Europäische Bibliothek; 8).

Hanna Kronherger-Frentien: Die alte Kunst der süßen Sachen. Backformen und Waffeleisen vergangener Jahrhunderte. Hamburg 1959.

Uwe Meiners: „Ein Waffeleisen aus dem Jahre 1764“, in: Schloss Museum Jever. Abrufbar unter: https://www.schlossmuseum.de/sammlungen/kaleidoskop/kaleidoskop-41-50/44-einwaffeleisen-aus-dem-jahre-1764/ [Stand: 8. Juni 2024].

Martin Mutschlechner: „Der Doppeladler. Habsburgs allgegenwärtiges Zeichen“, in: Die Welt der Habsburger. Abrufbar unter: https://www.habsburger.net/de/kapitel/der-doppeladler-habsburgs-allgegenwaertiges-zeichen [Stand: 8. Juni 2024].

Ernst Thiele: Waffeleisen und Waffelgebäcke in Mitteleuropa. Köln 1959.

Inventarnummer 25, Museum der Stadt Füssen
Text: Isabelle Schwarz
Redaktion und Lektorat: Tobias Ranker
© Museum der Stadt Füssen


Sammlung und Museum
Das breite Spektrum der Sammlung wird in der Ausstellung anhand von Einzelobjekten abgebildet. Sie werden zu Repräsentanten oder Leitobjekten der verschiedenen Konvolute und Zeiträume und weisen insgesamt auf die Vielfalt der Sammlung hin. Nicht nur die Objekte und Werke auf ihrem jeweiligen Forschungsstand, sondern auch Aspekte der Museumsarbeit werden aufgefächert: das Sammeln und Bewahren, das Präsentieren und Vermitteln.

Staunen und Wissen
Ein wichtiges Moment der Inszenierung ist das Staunen. Er steht in Verbindung mit der Naturforschung des 19. Jahrhunderts und lässt sich historisch zurückführen auf die sogenannte „Wunderkammer“, die die Zusammenkunft kostbarer und denkwürdiger Naturalien und Artefakte umfasste. In dieser Online-Serie soll das Staunen als erkenntnisfördernder Impuls reaktiviert werden.


Alle Fotos: Simon Toplak


Das Waffeleisen ist derzeit im Museum der Stadt Füssen ausgestellt.


Zu den bisher vorgestellten Objekten geht es hier: 

Torschlüssel

Druckmodel

Trommel

Landschaftsmodell

Hallenbad


Foto Titelbild: Simon Toplak

Museum der Stadt Füssen
Lechhalde 3, 87629 Füssen