Ein Kasten aus Holz in elegantem Braun, auf der Oberfläche in silbernen Buchstaben eingelassen das Wort „Polyphon“. Das ist der Name des Geräts, das mit einem Mechanismus selbständig ein mehrstimmiges Lied spielt.
Bei aufgeklapptem Deckel ist in dessen Innenseite ein dekorativ farbig bedrucktes Papier zu sehen. Das Motiv ist märchenhaft: Auf einem blühenden Apfelzweig sitzen drei kleine Singvögel, vor ihnen ein kleiner Zwerg, der sie aus Notenblättern dirigiert. Das ist die Stimmung, in der im bürgerlichen Wohnzimmer dieses Wunderwerk moderner Technik genossen wurde.
Im Polyphon liegt eine Lochscheibe aus Metallblech. Auf deren Oberfläche ist in goldener Farbe das Markenzeichen der Firma gedruckt, eine Muse mit Lyra und Lorbeerkranz, über ihr fliegt ein Komet. Der Titel des Musikstücks, das diese Lochplatte spielt, ist ebenfalls aufgedruckt, aber durch vielfachen Gebrauch so abgeschabt, dass es nicht mehr lesbar ist.
Ta-ra-ra-boom-de-ray! Wie funktioniert ein Polyphon?
Man zieht das Werk auf, indem man die beigegebene Kurbel auf den oben in der Mitte des Werkes befindlichen, viereckigen Stift steckt und hierauf dieselbe in der Pfeilrichtung ca. 14 mal herumdreht. Während dieses Aufziehens des Werkes kann das Notenblatt auf demselben liegen bleiben.
Aus der Bedienungsanleitung auf der Unterseite des Polyphon
Das Polyphon funktioniert nach Art von Spieluhren. Unten im Kasten sitzt ein metallener „Stimmkamm“. Das ist eine längliche Platte, die mehrfach eingesägt ist, so dass unterschiedlich lange Tonzungen entstehen. Werden sie angezupft, geben die kurzen Zungen hohe Töne ab und die langen Zungen tiefe Töne. Im Polyphon werden die Zungen von kleinen Zahnrädern angezupft. Diese Zahnräder wiederum werden von den kleinen Häkchen bewegt, die unterhalb der Lochplatte sitzen. Wenn sich die Lochplatte dreht, erklingt eine vielstimmige Melodie.
Auch der Antrieb des Polyphons war mechanisch. Elektrisch konnte er nicht sein, Haushalte hatten um 1900 oft noch keinen Strom. Das Gerät wurde mit einer Kurbel aufgezogen. Das System ist extrem stabil.
Zugehörig sind weitere 13 Lochscheiben, sie zeigen, welche Hits man in den Jahren um 1900 schätzte. Das Weihnachtslied „Stille Nacht, Heilige Nacht“ ist darunter, außerdem mehrere Walzer wie zum Beispiel „Wiener Blut“ oder „Dorfschwalben aus Österreich“ von Josef Strauss und „An der schönen blauen Donau“ von Johann Strauss. Es findet sich der „Hochzeitsmarsch“ aus der Oper Lohengrin von Richard Wagner, ein „Marsch“ aus der Oper Boccaccio von Franz von Suppé oder, aus dem Bereich der Militärmusik, der „Torgauer Parademarsch“ unter dem Set. Dazu gibt auch das mitreißende „Ta-ra-ra-boom-de-ray“ in der Version von Lottie Collins. Offenbar wurden die Lochscheiben direkt für den internationalen Markt produziert, denn die Beschriftung ist meist dreisprachig in Französisch, Englisch und Deutsch. Dieses Polyphon aus Füssener Privatbesitz wurde so oft gespielt, dass die Beschriftung der Lochscheiben stark abgeschabt ist.
Musik aus der Holzschachtel
In der bürgerlichen Gesellschaft der Gründerzeit, einer Phase während des 19. Jahrhunderts im Zuge der Industrialisierung, standen solche Musikautomaten hoch im Kurs. Viele Leute machten selbst Musik, spielten ein Instrument oder sangen in einem Chor. Dass es nun ein mechanisches Gerät gab, das selbstständig Musik machen konnte, übte eine große Faszination aus.
Aber es musste erst einmal erfunden werden. Die Epoche der Gründerzeit von den 1870er-Jahren bis um 1900, die nicht umsonst diesen Namen bekommen hat, war eine Zeit vieler Entdeckungen, Erfindungen und Patente. Zahlreiche Firmen und Fabriken wurden gegründet, gerade in Deutschland. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts gelang es, das Prinzip der bereits länger bekannten Spieluhr, bei der eine mit Noppen versehene Walze die Tonzungen eines Stimmkamms anriss, für den Alltagsgebrauch weiterzuentwickeln und damit einen großen Absatzmarkt zu erschließen.
Führend wurde die Fabrik zweier Leipziger Unternehmer. Sie stellten ihr „Polyphon“ erstmals im Jahr 1890 auf der Leipziger Herbstmesse aus. In den nächsten Jahren entwickelte die Firma Polyphon Musikwerke AG das Prinzip des Musikautomaten immer weiter, meldete über 100 Patente und Gebrauchsmuster an und kam jedes Jahr mit neuen Modellen auf den Markt.
Die Polyphon-Apparate wurden weltweit auf allen großen Messen ausgestellt und immer wieder ausgezeichnet. 1892 waren sie auf der Weltausstellung in Wien zu sehen, und 1893 auf der Weltausstellung in Chicago, 1894 erhielten sie auf der Weltausstellung in Antwerpen eine Silbermedaille, und 1900 auf der Weltausstellung in Paris eine Goldmedaille.
Ab 1893 produzierte sie das Unternehmen in einer großen Fabrik in Wahren bei Leipzig (heute eingemeindeter Stadtteil). Um 1900 waren dort schon 600 Arbeiter beschäftigt, die jedes Jahr 40.000 Musikapparate herstellten. Kleine Modelle für den Hausgebrauch wie unser Exemplar im Museum der Stadt Füssen wurden ebenso gebaut wie größere Anlagen für Gaststätten mit automatischem Plattenwechsler. Die Automaten wurden in Deutschland verkauft und in viele andere Länder exportiert. Das Polyphon aus unserer Sammlung war aufgrund seiner Bemaßung für den privaten Haushalt bestimmt. Nach 1900 ließ die Nachfrage nach Polyphon-Automaten langsam nach, sie wurden aber bis in die 1920er-Jahre hergestellt.
Mit der lieblichen Darstellung im Inneren des Deckels und seiner sichtbar einfachen Mechanik hat dieser Musikapparat seinen besonderen Reiz. Das Klangerlebnis beim Polyphon ist sehr viel enger mit dem Objekt verbunden und weicht zweifelsohne von dem eines Dolby Surround System ab.
Das Polyphon und eine Hörstation sind im Museumsfoyer ausgestellt.
Zu den bisher vorgestellten Objekten geht es hier:
Museum der Stadt Füssen
Lechhalde 3, 87629 Füssen
Literatur
Birgit Heise: „Die Hersteller selbst spielender Musikinstrumente aus Leipzig mit ihren Produkten und Patenten aus der Zeit von 1876 bis 1930“,
in: Grassi-Museum für Musikinstrumente der Universität Leipzig und der Gesellschaft für Selbstspielende Musikinstrumente e. V. (Hrsg.): Internet-Lexikon,
https://musica-mechanica.de/lexikon/index.php [abgerufen am 4. April 2024].
Luise Grundmann: „Wahren (seit 1922 zu Leipzig)“, in: Vera Denzer/Andreas Dix/Haik Thomas Porada (Hrsg.): Leipzig. Eine landeskundliche Bestandsaufnahme im Raum Leipzig. Köln/Weimar/Wien 2015 (Landschaften in Deutschland, Bd. 78), S. 200-204.
Herbert Jüttemann: Mechanische Musikinstrumente. Einführung in Technik und Geschichte. Köln 2019.
Autorinnen: Gabriele Wiesemann, Sarina Gimnich
Fotos: Simon Toplak